Fragment als Möglichkeit der Kunst

Wollte man es zuspitzen, könnte man behaupten, Ev Pommer beschäftige das Fragment, als jene Möglichkeit der Kunst, auf etwas ehemals Vollkommenes, ohne es als solches zur Anschauung zu bringen, zu verweisen und zugleich seinen Verlust zu thematisieren.

Mit der Stilisierung der natürlichen Schönheit der von ihr bevorzugten Materialien, welche Holz, Gips, textile Stoffe und Papier sind und dem bevorzugten Einsatz von gebrochenem Weiß, steigert Ev Pommer eine Sehnsucht nach Vollendung und geht einen bewußten und konstruktiven
Gegensatz zur Vollendung von Bruchstücken und Überresten ein.
Kompromisslos dringt sie auf die feine Verarbeitung ihrer Materialien ebenso wie auf feinsinnig ausgearbeitete Oberflächen und forciert so die Imagination vom unbeschädigten Ganzen. Das hat den Vorteil, dass der Betrachter ihre Werke als autonome Existenzen begreifen kann.

Ev Pommer überlässt nichts dem Zufall. Wirkung und Spannung in ihren Arbeiten entstehen durch farbliche, gestische und materielle Reduzierung. Die Ausnahme innerhalb des Werkes von Ev Pommer bei der hier in beiden Fassungen gezeigten Plastik "Witness" ist nicht ihre Dünnwandigkeit, wenngleich gerade sie im Guss einen außerordentlichen Reiz ausübt, der sich aber manchmal in Arbeiten von Ev Pommer findet und auch und zuerst den natürlichen Eigenschaften der Ausgangsstoffe geschuldet ist.

Eine Ausnahme ist mehr die Tatsache, dass ganz deutlich Raum von zwei geschlossenen Formen begrenzt wird, wo in der Regel fragile Gebilde ihn beschreiben oder in ihn hineinragen. Gerade die weiße und ursprüngliche Fassung strahlt dabei etwas Zerbrechliches aus, dem durch den Bronzeguss eine neue Intension gegeben wird. Wo die weiße Fassung den Eindruck von Unberührtheit befördert, welche den Betrachter auf respektvolle Distanz hält, animiert die Bronze dazu, in sie hineinzugehen und den Innenraum zu erforschen. Gerade die Ausführung von "Witness" in so unterschiedlichen Materialien spiegelt etwas von der Gelassenheit und Offenheit, mit der Ev Pommer ihre Themen auslotet und erforscht.

"Wenn beim Betrachter ein Gefühl aufkommt von Verletzlichkeit, Einsamkeit, vorsichtiger Erprobung, Schönheit, ist das gut - das ist enthalten", schreibt die Künstlerin, in deren Arbeiten es im weitesten Sinn um die menschliche Figur geht, aber mehr als um deren vollendete Form um innere Torsi.


Kathleen Krenzlin